Mit dem Rennrad von Steinhaus nach Wien – 10h | 272km

von Bernhard Em
0 Kommentar

Eine Ausfahrt mit dem Rennrad stand heute am 3. Adventsonntag am Programm. Das Wetter ist aber so ziemlich das mieseste seit langem. Feucht-windig. Sehr windig. Sehr feucht – Regen. Absolut nicht die Bedingung die mich nach draußen, geschweige den auf meinen Drahtesel zieht. Anders vergangenen Freitag. Gut eine Woche zuvor habe ich beschlossen noch dieses Jahr eine „Kirchen-Tour“ zu machen. Also non-stop von der Steinhauser Pfarrkirche bei mir ums Eck zum Stephansdom nach Wien zu fahren. Gedacht – getan.

Sport oder Abenteuer per Rennrad?

Das Setup war durchaus sportlich. Rennrad. Wintertrikot. Radstiefel. Brustgurt zur Pulsmessung. Das Vorhaben ebenso. An einem Tag in einer bestimmten Zeit von zu Hause nach Wien zu fahren. Bewusst Grenzen austesten. Doch letztlich war die Fahrt pures Abenteuer. Doch alles der Reihe nach.

#Microadventure

Um 6:00h läutet der Wecker. Der Tag beginnt mit einem ausgiebigen Frühstück und einem großen Glas des besten Dopingmittel überhaupt, Rote-Rüben-Saft, selbst gepresst. Kurz gehe ich nach Draußen und checke die Wetterbedingungen. Kalt, -8°C, dafür fast Wolkenlos (zumindest hier). Den Wetterbericht lasse ich außer acht, ändern kann ich es sowieso nicht. Hop oder drop. Entweder – oder. Ich bin positiv gestimmt. Heute wird der perfekte Tag.
Wie eine Zwiebel behütet Kleidungsschicht um Schicht meinen Körper vor Kälte und Feuchte. In meiner Satteltasche verstaue ich noch eine zusätzliche Jacke, Handschuhüberzieher und ein wenig Krimskrams um auch im Pannenfall gewappnet zu sein.

Auf los geht´ los. Los!

Um kurz nach sieben Uhr fahre ich los. 1. Station und Start des „Projekts“ die Pfarrkirche in meinem Heimatdorf Steinhaus bei Wels. Kurz ein paar Poserfotos bevor die Fahrt so richtig los geht. Die ersten 35km geht es dem Traun-Fluß entlang. Gefühlte 1000 mal bin ich diese Strecke bereits gefahren. In Wirklichkeit war es um die 100 mal und bietet absolut keine Reiz, selbst wenn man das erste mal hier unterwegs ist, wird einem nicht wirklich etwas geboten. Ein Damm zur Rechten, Wald zur Linken. Mehr gibt es nicht. Nebel hüllt das Nichts in noch weniger.
Die Wahl der Kleidung dürfte richtig gewesen sein. Mich friert nicht, auch schwitze ich nicht. Nur nach gut einer Stunde Fahrt bemerke ich kalte Zehen und Finger. Gegen kalte Hände ziehe ich mir Windstopperfäustlinge über, gegen die kalten Füße hoffe ich auf etwas Sonnenschein. In Linz, wo die Traun in die Donau mündet ist meine Fahrt kurz vor dem kippen. Der Radweg ist mit Eis und einer dünnen Schicht Schnee bedeckt, Voest-Schnee. „Oh F**k!“ denke ich mir, „das kann aber nichts“. Vorsichtig radle ich weiter. Die Bereifung am Rennrad ist für solche Straßenverhältnisse nicht gebaut, aber zum Glück ist bereits nach wenigen Kilometern der Untergrund wieder aper. Der Nebel jedoch so dicht, dass man das linke Donauufer nur schemenhaft erkennen kann. In Asten möchte ich über das Kraftwerk Abwinden auf das andere Ufer wechseln, doch die Dammüberfahrt ist gesperrt und so bleibe ich am rechten Ufer und führe meine Fahrt fort bis ich schließlich nicht mehr weiter fahren kann. Ich bin in einer Sackgasse gelandet bzw. bei einer Schiffsstation wo nur zur Hauptsaison ein Übersetzen des Flusses mittels Radfähre möglich ist. Wäre ich bloß der Beschilderung nach Enns, der ältesten Stadt Österreichs gefolgt, dann müsste ich jetzt nicht den Ennshafen umfahren und würde wertvolle Zeit und Kraft sparen.

Alles wird recht

Den Hafen umfahren, ein paar Kilometer auf einer verkehrsreichen Straße und dann über eine Brücke in Mauthausen komme ich wieder auf den Donauradweg auf der linken Seite. Das Thermometer zeigt inzwischen bisschen über 0°C und nach drei Stunden Fahrt gibt es die ersten Sonnenstrahlen. Um etwas Wärme in meine Füße zu bekommen steige ich erstmals für eine kleine Pause ab. Etwas Bewegung abseits des Rades wirken Wunder und lassen meine Zehen wieder auftauen. Bis hier her sind auch meine Trinkreserven halb eingefroren, die jetzt dank den milder werdenden Temperaturen wieder langsam zu schmelzen beginnen.

Erinnerungen kommen hoch

Durch das Machland ist es noch leicht nebelig. Von Grein bis zur Grenze Ober- Niederösterreich geht es auf der Bundesstraße weiter. Bis ich wieder auf dem Radweg an der Donau bin, sind auch die letzten Nebelfelder verschwunden. Plus Grade. Sonnenschein. Rückenwind. Fast so wie vor acht Monaten, wie ich am 2. Tag meiner, ursprünglich einjährigen Europarundfahrt auf selber Strecke hier unterwegs war. In Ybbs kaufe ich mir im selben Lebensmittelladen etwas zu trinken und ein paar Bissen zu essen, welches ich mir dann auf der gleichen Sitzbank in Marbach direkt am Donauufer zu mir nehme. Die Bilder der im April gestarteten Tour gehen mir durch den Kopf, lassen mich aber nicht Trübsal blasen. Wieder ein Zeichen dafür, dass es eben nicht sein hat sollen und es so passt wie es jetzt ist. Zufrieden und etwas gestärkt setze ich nach gut 20 Minuten die Fahrt fort.

Volle Fahrt voraus!

Ich weiß nicht was es ist, aber völlig beflügelt komme ich flott voran. Ist es der Rückenwind, sind es die wenigen Höhenmeter, sind es das Training in den vergangenen Wochen, oder einfach die Euphorie für dieses Microabenteuer? Ich weiß es nicht. Ich sehe nur, dass ich meine persönliche Kilometerleistung bereits überboten habe. Und das, ohne Schmerzen am Hintern, ohne Krämpfe, zu einer vernünftigen Uhrzeit mit einer ebenso vernünftigen Durchschnittsgeschwindigkeit. Der Kopf ist leer. Nur ab und an überschlage ich die restlichen Kilometer und rechne wie lange ich vermutlich noch unterwegs sein werde, ob und wie lange ich noch pausieren darf, um den letzten Zug der Westbahn um 19:40h zu erreichen. Es wird sich locker ausgehen. Motiviert und ohne Sorgen gebe ich mich der Umgebung hin. Die Kopfsteinpflaster durch die Wachauer Dörfer lassen ein Gefühl des berühmten Radrennen Paris – Roubaix aufkommen und lassen nur ansatzweise erahnen wie sich dieser Rennradklassiker mit insgesamt über 50km Kopfsteinpflaster anfühlt.

Die Umgebung genießen

Die Wachau selbst ist weit über die Grenzen Österreichs als Wein- und Obstanbaugebiet bekannt. Auch geschichtliches und kulturelles wird hier einem einiges geboten, allen voran die Stadt Dürnstein.
Durch die blattlosen Rebstöcke hindurch bekomme ich einen Blick auf die Steinterrassen an den Hängen. Die ohnehin tief stehende Sonne lässt die Umgebung in einem warmen Licht erstrahlen. Kurz nach Krems wechsle ich wieder auf die rechte Seite der Donau. In den Donauauen zwischen Traisen und Donau macht mich nicht nur der 200ste Kilometer glücklich auch das warme Licht, die leuchtenden Farben, die blaue Donau und eine Vielzahl von unterschiedlichsten Vogelarten, die um diese Jahreszeit eigentlich gar nicht hier sein sollten, machen diesen sehr flachen und eigentlich unspektakulären Abschnitt zu einem Erlebnis. Kurz vor Tulln noch ein Handyfoto von der untergehenden Sonne, ehe sich der Tag wieder in Dunkelheit hüllt.

Neue Extremsportart: Ortsunkundiges-Großstadt-Nachtradeln kurz OGN

An Tulln vorbei ist es nun endgültig finster geworden. Noch befinde ich mich auf dem Radweg. Kurz vor Klosterneuburg, eine Vorstadt Wiens, eine Weggabelung, links Genussradler, rechts Rennradfahrer. Bin im Zwiespalt, fahre ich doch genüsslich Rennrad 😀 . Da ich weder die Wegbeschaffenheit noch den weiteren Verlauf (womöglich über Korneuburg) des linken Weges kenne, entscheide ich mich für die Rennradvariante. Ein kurzer Anstieg nach Klosterneuburg stimmt mich wunderlich. Anstiege und Hügel habe ich jetzt nicht mehr erwartet. Stellten zum Glück körperlich kein Problem dar und setzte voller Elan und das Ziel in Gedanken die Fahrt fort. Während der ganzen Fahrt benötigte bzw. benutzte ich die Kartenfunktion des GPS-Gerätes nicht. Doch jetzt brauchte ich sie um zielsicher zum Stephansdom und dann weiter zum Hauptbahnhof zu gelangen. Während ich von der Tacho- zur Karten-Ansicht blättere, ein kurzer Schock. Restkapazität des Akkus reicht noch für eine Stunde. Ich denke „oh mein Gott, hoffentlich geht sich das aus“.

Das Ziel zum greifen nah

Ich passiere das Ortsschild Wiens. Wow, was für ein Gefühl. Nur noch wenige Kilometer, dann stehe ich in Wiens Herzen am Stephansplatz beim Stephansdom. Doch bis es soweit ist muss ich mich mit dem nächtlichen Treiben anfreunden. Schlechter Empfang mit dem GPS (liegt wohl am geringen Akkustand), Schienen der Straßenbahnen und unzählige Kreuzungen leisten Widerstand gegen ein flottes Vorankommen.
Aber!, nach exakt 258km, 9:10h reiner Fahrzeit und vielerlei Eindrücke entlang der Strecke stehe ich tatsächlich vor dem Wahrzeichen Wiens, der Domkirche St. Stephan zu Wien, kurz und liebevoll auch „Steffl“ genannt.
Kurz bin ich etwas erschlagen von der Menschenmenge, gehe ich diese meist bewusst aus dem Weg. Unbewusst hingegen gebe ich ein lautstarkes „Whuuu….!“ oder „WOW!“ oder ähnliches voller Freude von mir. Einfach nur geil!!!

Doch viel Zeit bleibt nicht

Es ist zwar erst 18:00h, wer aber weiß was mir auf dem Weg zum Bahnhof noch unter kommt. Ein Poserfoto vom Steffl und mir bevor es Richtung Westbahnhof geht. Der Ladestand des GPS schwindet von Minute zu Minute. Ich folge dem Track und versuche keine Zeit zu verlieren. Anfangs noch sicher am richtigen Pfad zu sein, stellte sich nach einer gefühlten Ewigkeit ein komisches Gefühl ein. Wo zum Henker bin ich hier? Die Straßen immer leerer, dessen Beleuchtung immer weniger, das komplette Wienflair ist verschwunden. Ich zücke das Handy, starte meine Map-App und lasse mich zum Bahnhof navigieren. Während ich die halbe Strecke Richtung Stephansdom wieder zurück radle schießt es mir. Ich hatte unsinniger weise meine Route zum Bahnhof Wien-Hütteldorf gelegt (zu Hause stellte ich fest gerade mal einen Kilometer davor umgekehrt zu haben)…
Pünktlich, sogar mit Zeitreserven komme ich am Hauptbahnhof an. Als erstes entledige ich mich meinen feuchten Sachen und zieh mir meine trockene Jacke über. Im Anschluss gibt es Cola und Blaubeercookies und eine entspannte Zugfahrt zurück nach Wels mit der Westbahn. Nach nochmaligen neuen Kilometern mit dem Rennrad vom Bahnhof zu mir nach Hause geht diese geile Tagestour zu Ende.

Fazit

Wiedereinmal bestätigt sich: ohne Druck kann man Leistung bringen und dabei Abenteuer erleben. Umgekehrt kann man ein Abenteuer angehen, ohne dabei den sportlichen Aspekt aus den Augen zu verlieren. Es ist nur eine Frage der persönlichen Einstellung und Sichtweise.

Ich wünsche dir noch eine schöne Weihnachtszeit, danke fürs Vorbeikommen! Liebe Grüße euer Bernhard

Schon gesehen...?

Kommentieren

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.